DROMOGRAPHICS
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Immer größere Geschwindigkeiten bestimmen das heutige Leben. Der rasende Stillstand wird zum Unglück. Die Bilderflut der Moderne zur Überflutung. Echtzeithysterie. Gefahr des Hirngaus in allen Netzen. Ironie: Keine Zeit wird das Motto. Der Zeittakt des Fliesbandes wird abgelöst durch elektronische Übertragungsgeschwindigkeiten. Die Börsensekunde entscheidet über Gewinn und Verlust. Die Überreizung biologischer Kapazitätsgrenzen wird zum Risiko. Was rast ist Puls der Zeit.

Die Raumgesellschaft wird zur Zeitgesellschaft. Der Sekundentakt wird Zeitmaß unseres Handelns. Was zählt ist Geschwindigkeit. Prozesse werden stetig beschleunigt. Es kommt die Quantenzeit.

Seit Beginn der achtziger Jahre versucht Bu in der Tradition der Situationistischen Internationale, der Fluxusbewegung und der Konzeptkunst kontinuierlich  mit seiner Kunst wie Bildern, Texten, Kompositionsideen und Aktionen Erlebnisse, Erfahrungen, Emotionen und Reflexionen kreativ zu gestalten. Besonderen Wert hat dabei der Aspekt der Zeit.

In jedem Bild sind Malraum und Malzeit klar definiert und direkt aufeinander bezogen.

Nach unterschiedlichen Versuchen mit Stilen der Vergangenheit besonders der Moderne erfand Bu zunächst in der Tradition der chinesischen Kalligraphie, der konkreten Kunst, des Tachismus und des Informel das Sekundenbild. Die unterschiedlichen Zeitphilosophien und ihre Reflexion durch den Künstler bestimmen sein Konzept. Die Sekunde als Zeitmaß der physikalischen Zeit ist Grundmaß seiner Bilder. Die Bildproduktion ist Ausdruck dieser Entwicklung.

1/4000 Sek. für die Belichtung des Fotos, 24 Bilder/Sekunde für die Filmprojektion und nun als ironischer Komentar das Sekundenbild als abstrakt-gegenständliches Zitat moderner Bilderwelten. Eine Sekunde zwischen Absicht und Tun. Umkehrung des Malens als Raumkunst zur Zeitkunst und Grenze der Grenzüberschreitung im Moment des Schaffensaktes.

Farbe und Größe der Bilder sind je nach Wunsch variabel. So bleiben nur Form und Zeit der Bilder fix.

Das Malen der Bilder ist als räumlich geronnener Augenblick eines spontanen künstlerischen Impulses und des Formwillens des Künstlers zu verstehen. Das Bild ist malerische Augenblicksreflexion und Zeitstilleben der subjektiven Befindlichkeit des Künstlers. Das Bild ist die Form gewordene Gegenwart des Künstlers im jeweiligen Moment des Schaffensaktes und seines Protestes jedweder Zeitstudien und ihres Diktats menschlicher Aktivitäten. Der Schaffensakt in einer oder wenigen Sekunden unterstreicht das jedem Menschen innewohnende kreative Potential. Das Kinderleichte lädt zu Experiment und Spiel ein.

Die Sekundenbilder sind Bestandteil einer abstrakt figürlichen Schrift augenblicklicher Intuitionen und Inspirationen. Als Zeichensystem sind die Bilder Beweis eines klar ausgereiften Stils. Den Sekunden- und Tempobildern Bu's liegt seine Theorie der DROMOGRAPHICS zugrunde. Anregungen verdankt er vor allem Paul Virilio. Die zeitliche Begrenzung des Malprozesses oder Kunstprozesses ist für Bu's Kunst essentiell, so daß jedes Bild räumlich-zeitlich eine klar definierte Einheit bildet. Die Menge der Information ist jeweils gleich, der Inhalt der Information variiert. Es geht um die Erhabenheit der Vergegenwärtigung der jeweiligen Gegenwarten des Künstlerschaffens sowie ihrer seriellen Variabilität.

Im Gegensatz zur Produktion steht die Dauer der Rezeption. Das Bild als Augenblicksprodukt der jeweiligen Künstlergegenwart lädt zum Verweilen und Muße ein. So wird Zeit im Bild ausgedehnt. Auf Wunsch wird der Bildschirm zum Leinwandersatz.

Das Bild als Zeitzeichen und Piktogramm ist Kritik der Ökonomisierung der Kunst und ihres affirmativen Charakters. Die Stopuhr ist Ausdruck der Ökonomisierung der Zeit und der Kunst. Das Metronom weist auf den Ton und den musikalischen Akkord als anderes Zeitmaß der Bildproduktion. Stopuhr und Metronom sind ironische Attribute des kreativen Prozesses.Die Bilderflut und massenweise Bildproduktion wird ironisch überspitzt. Der Dromograph als Meßapparat der Blutgeschwindigkeit wird Prüfinstanz für Impuls und Puls des Künstlers und dessen Kritik an allzu großer Wissenschaftsgläubigkeit.

Das Zeitbild ist Zeichen des Übergangs in eine Informations- und Wissensgesellschaft. Die Zeitkonzepte (Sekundenbild, Akkordbild, Tempobild, Symphoniebild...) unterstreichen das Prozeßhafte des Malaktes. Das Bild wird endloser Augenblick. Die Spontanität des Schaffens im Moment einer Sekunde als letztmögliche Wahrheit des Ausdrucks. (P.R.)


BU IN BULENIA UNDERCOVER